Der Nachhaltigkeit verpflichtet: Banken als Hebel für die grüne Transformation

Mittendrin statt nur dabei – das ist der Finanzsektor bei den Bemühungen um Klimaneutralität. Und mit den Finanzierungszielen, die auf der UN-Klimakonferenz in Glasgow beschlossen wurden, ist noch deutlicher geworden, wie wichtig die Unterstützung der Banken ist, wenn die Transformation gelingen soll. Insights spricht mit Bettina Storck, Leiterin Group Sustainability Management bei der Commerzbank, und Martin Seimetz, bei der Commerzbank Leiter Risk & Resource Steering und Projektleiter ESG Strategies, Corporate Clients, über das aktuelle Nachhaltigkeitsumfeld, zentrale Entwicklungen und die tragende Rolle, die Finanzinstituten beim Übergang zu grünerem Wirtschaften zukommt.

Europa hat sich mit ehrgeizigen Zielen zur Klimaneutralität und breit angelegten Regulierungsmaßnahmen als Vorreiter positioniert. Was heißt das angesichts der Verschärfung der Klimakrise für multinationale Banken?

Bettina Storck: Das Tempo, mit dem Fortschritte erzielt werden, schwankt von Region zu Region und von Land zu Land. An der Spitze der globalen Bemühungen um einen nachhaltigen Wandel müssen die führenden Industriestaaten stehen, und trotzdem braucht es im Kampf gegen den Klimawandel ein aufeinander abgestimmtes Vorgehen aller Länder. Gleiches gilt für Banken und Unternehmen. Deshalb müssen wir miteinander sprechen, Erfahrungswerte austauschen und zusammenarbeiten, wenn wir den Weg in eine grünere Zukunft ebnen wollen, in der die Wirtschaft florieren kann.

Martin Seimetz: Finanzinstitute spielen bei der Gestaltung der Weltwirtschaft eine zentrale Rolle. Gleichzeitig tragen sie viel Verantwortung dafür, Wandel möglich zu machen. In Sachen Nachhaltigkeit müssen Banken sowohl Vorbild sein als auch ihre Kunden bei ihren jeweiligen Zielen unterstützen. Das heißt, sie müssen ihre Branchenexpertise und ihr Wissen teilen und eine breite Palette an effektiven Lösungen für nachhaltige Investitionen bieten – Lösungen, die sowohl kleine und mittlere als auch große Unternehmen verstärkt brauchen.

Multinationale Großkonzerne haben nachhaltige Investitionen und ESG-Prinzipien mit als Erste implementiert. Beobachten Sie nun auch vonseiten des Mittelstandes ein verstärktes Interesse an Nachhaltigkeit? Wie unterscheidet sich der mittelständische Ansatz von dem multinationaler Großkonzerne?

Martin Seimetz, Leiter Risk & Resource Steering und Projektleiter ESG Strategies, Corporate Clients

Martin Seimetz: In der Tat haben mittlerweile nicht nur viele multinationale Unternehmen nachhaltige Investitionen und ESG-Prinzipien – die also ökologische und gesellschaftliche Fragen sowie Fragen zur guten Unternehmensführung betreffen – implementiert. Auch viele mittlere und große Mittelständler haben ESG-Prinzipien eingeführt und sind bereits in der Umsetzung. Ihr Ansatz unterscheidet sich in der Verfügbarkeit von Daten und im Ressourcenaufwand, der bezogen auf das jeweilige Unternehmen betrieben werden muss, um die Daten bereitzustellen und darauf basierend erreichbare Ziele zu setzen oder gar strategisch umzuplanen.

KMU sind wichtige Bestandteile der breiteren Lieferkette und der Weltwirtschaft; ohne sie in ihrer Gesamtheit sind die großen Nachhaltigkeitsziele nicht zu erreichen. Und sie fragen sich, wie sie die an ihre jeweilige Branche geknüpften oder von ihren größeren Geschäftspartnern formulierten Erwartungen erfüllen können. Kleinere Unternehmen verfolgen oftmals von Natur aus einen recht nachhaltigen Ansatz, insbesondere dann, wenn sie mit regionalen, untereinander verbundenen Lieferketten arbeiten. Bei der strategischen Positionierung, dem Aufbau nachhaltigkeitsorientierter Teams und dem Zugang zu ESG-Daten ist noch Luft nach oben. Für Banken bietet sich hier die Chance, diese Unternehmen bei der Transformation zu begleiten.

Gleichzeitig sind wir uns bei der Commerzbank durchaus bewusst, welchen Einfluss wir selbst als Unternehmung auf unsere Lieferkette nehmen können, und erwarten ein gewisses Niveau an Klimaneutralität von all unseren Kunden und Lieferanten.

Die G7 unterstützen eine Pflicht zur Offenlegung klimabezogener Finanzdaten durch Unternehmen. Halten Sie es für wahrscheinlich, dass eine solche Pflicht kommt? Und welche Herausforderungen ergäben sich dadurch für die betroffenen Unternehmen?

Martin Seimetz: Damit Nachhaltigkeitsbestrebungen ihre volle Wirkung entfalten können, braucht es eine transparentere und genauere Berichterstattung der Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit. Mit der jüngsten Unterstützung der G7 scheinen eine zunehmende Standardisierung der Offenlegungspflichten und eine Erweiterung der Nachhaltigkeitsberichterstattung immer wahrscheinlicher. Unternehmen werden dazu gebracht, sich stärker an ihren eigenen Nachhaltigkeitspraktiken zu orientieren Auch die Offenlegungsverordnung und die Taxonomie der EU gehen da in die richtige Richtung. Wichtig für alle Beteiligten ist, dass die Daten erstellt werden, die notwendig sind, um die Ziele im gesamten ESG-Spektrum zu erreichen und nachzuhalten. Dabei sind die Bestrebungen zur Standardisierung zu begrüßen. Nur durch eine zunehmende Standardisierung werden die Finanz- und die Realwirtschaft die Herausforderungen gemeinsam meistern. Denn hier geht es um Umsetzbarkeit von Aufwand, aber auch um Vergleichbarkeit über Industrie und Landes-/Regionengrenzen hinweg.

Bettina Storck: Würden mehr Unternehmen entsprechenden Offenlegungspflichten unterliegen, wäre das auch für Banken mit umfassenden Mittelstandsportfolios gut – sie könnten dadurch ihren eigenen Fußabdruck und ihre eigenen Nachhaltigkeitsbemühungen besser analysieren. Uns ist aber klar, dass derartige Pflichten für Unternehmen und insbesondere für den Mittelstand Herausforderungen bergen. Deshalb muss man sich bei allen Überlegungen zu Berichtsstandards immer fragen: Ist das praktikabel?

Oft wird darauf geschaut, was der Wandel zu mehr Nachhaltigkeit kostet oder welche Risiken mit der Nichteinhaltung von Anforderungen verbunden sind. Eine Transformation der Weltwirtschaft in dieser Breite wird aber sicherlich auch neue Chancen bieten. Sehen Sie das auch so optimistisch? Und wie könnten diese neuen Möglichkeiten Ihrer Meinung nach aussehen?

Bettina Storck, Leiterin Group Sustainability Management

Bettina Storck: Man kann gar nicht genug betonen, welche Ressourcen der Wandel zu mehr Nachhaltigkeit erfordert und welche Verpflichtungen hierfür eingegangen werden müssen. Trotz aller Herausforderungen eröffnen sich in diesem dynamischen Umfeld aber auch Chancen. Um dem Klimawandel zu begegnen, braucht es überall auf der Welt Innovationen – und Innovationen wollen finanziert werden. Hierzu können verschiedene Regionen beitragen, sodass mit dem Export von innovativen Lösungen die finanziellen Kosten des nachhaltigen Wandels mit abgefedert werden. In der Realwirtschaft herrscht derzeit ein hoher Finanzierungsbedarf und daraus ergibt sich für Finanzinstitute die Gelegenheit, neue Geschäftsfelder zu stärken und zu entwickeln. Als Bank wollen wir diese Gelegenheit beim Schopf packen und einen Beitrag dazu leisten, den nachhaltigen Wandel aktiv und mit Blick auf die Bedürfnisse unserer Kunden zu gestalten.

Wie begleitet die Commerzbank ihre Kunden auf dem Weg in eine nachhaltigere Zukunft? Welche Unterstützung kann sie bieten?

Bettina Storck: Wir nehmen unsere Rolle als Vorbild im klimabewussten Finanzwesen und als Förderer unserer Kunden auf dem Nachhaltigkeitsweg sehr ernst. Wir wollen alle unsere Kunden auf diesem Weg begleiten und unterstützen. Aber ein gesamtwirtschaftlicher Wandel braucht enorme Investitionen. Wir zeigen Transformationswege zur Klimaneutralität auf und helfen unseren Kunden dabei, Handlungsoptionen und den damit einhergehenden Investitionsbedarf zu identifizieren.

Martin Seimetz: Wir erfinden das Rad nicht neu. Stattdessen lassen wir ESG-Prinzipien in konventionelle Finanzierungslösungen einfließen und nutzen unsere Erfahrung, um unser Angebot an nachhaltigen Produkten stetig auszuweiten. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, mindestens 300 Milliarden Euro zu mobilisieren, um unsere Kunden mit nachhaltigen Produkten bei ihrer grünen Transformation zu unterstützen.

Natürlich ist uns bewusst, dass eine Transformation dieser Größenordnung mit Risiken verbunden ist, die wir im Rahmen unseres ganzheitlichen Risikomanagements abmildern. Dennoch halten wir diesen Wandel für eine große Chance – nicht nur für Finanzinstitute wie die Commerzbank, sondern auch für Volkswirtschaften und Unternehmen auf der ganzen Welt, egal ob klein oder groß.

Mehr Nachhaltigkeit ist ein Eckpfeiler der Unternehmensstrategie der Commerzbank, und die Bank will die CO2-Emissionen aus dem eigenen Geschäft bis spätestens 2040 auf null senken. Was hat die Bank bisher erreicht?

Bettina Storck: Die Commerzbank hat nachhaltige Finanzierungen (Sustainable Finance) schon früh aufgegriffen und bis heute bereits einige Meilensteine auf diesem Weg erreicht. Wir gehören zu den ersten Unternehmen, die ihren CO2-Fußabdruck bewusst reduziert haben, und haben unsere CO2-Emissionen aus dem Bankgeschäft zwischen 2007 und 2018 um stolze 70 Prozent verringert. Zudem sind wir seit 2015 CO2-neutral und kompensieren unvermeidliche Emissionen mit CO2-Zertifikaten verschiedener Klimaschutzprojekte. Zum Beispiel hat die Commerzbank 10.000 Zertifikate des Luangwa Community Forests Project in Sambia gekauft und damit 10.000 Tonnen CO2 kompensiert.

Welche Rolle spielen aktives Aktionärstum und klimabezogene Rechtsstreitigkeiten, wenn es darum geht, Finanzinstitute zu mehr Nachhaltigkeit zu bewegen?

Bettina Storck: Aktives Aktionärstum und die Erwartungshaltung der Stakeholder treiben die nachhaltige Entwicklung auf dem Markt voran. Die Commerzbank steht mit allen Stakeholdern – Kunden, Anlegern, Nichtregierungsorganisationen usw. – in engem Austausch und will ihren Erwartungen und Bedürfnissen gerecht werden. Wir versuchen, die Debatten aktiv in unserer Arbeit zu berücksichtigen und einen Ausgleich zwischen den Bedürfnissen unserer Stakeholder und unserer Aktionäre zu schaffen.

In der Net Zero Banking Alliance (NZBA) haben sich große, global agierende Finanzinstitute zusammengeschlossen, um für Dekarbonisierung zu werben. Was konnte dieses Bündnis bislang bewirken? Denken Sie, dass es branchenweit einheitlichen Standards den Weg ebnen kann?

Bettina Storck: Die NZBA hat dazu beigetragen, dass klimabewusstes Finanzwesen keine Nische mehr ist, und ein Bewusstsein für die Rolle des Finanzwesens als Wegbereiter der Nachhaltigkeit geschaffen. Dabei hat sie einen guten Mittelweg gefunden: Einerseits gibt es Standards, andererseits bleibt jedem Institut genug Raum für eigene Bedürfnisse, und es wird ein gesunder Wettbewerb gefördert. Wenn wir die Ziele des Pariser Abkommens erreichen wollen, müssen wir klimaneutral werden. Die Tatsache, dass die Commerzbank zu den Mitbegründern der NZBA zählt, zeigt, dass diese Ziele für uns keine Lippenbekenntnisse sind.